Weichenstellung für die Zukunft

Die Gründung der Siemens AG

Der 1. Oktober 1966 ist für Siemens ein historisches Datum. An diesem Tag wird die heutige Siemens AG gegründet und damit die Weichen für die Zukunft gestellt. Der Zusammenschluss der Siemens & Halske AG, der Siemens-Schuckertwerke AG und der Siemens-Reiniger-Werke AG zu einem Unternehmen, schafft neue Strukturen für einen flexibleren und agileren Konzern, der den Herausforderungen der Zeit gewachsen ist.

Technik, Märkte, Fiskus – Gründe für den Zusammenschluss

Die Gründe für die Fusion der drei Unternehmensteile und die damit einhergehende Neustrukturierung sind technischer, organisatorischer und ökonomischer Natur. Der technologische Fortschritt in den Jahren des Wiederaufbaus nach Ende des Zweiten Weltkriegs lässt die Grenzen zwischen der Nachrichten-, Mess- und Regeltechnik auf der einen und der Energietechnik auf der anderen Seite mehr und mehr verwischen. Hinzu kommt, dass die Kunden auf diesen traditionellen Siemens-Märkten zunehmend an Systemlösungen aus einer Hand interessiert sind. Ein ähnlicher Trend zeichnet sich auch im Verhältnis zu den Geschäftsaktivitäten der Siemens-Reiniger-Werke ab. Vor allem auf dem Gebiet der Messtechnik kommt es Siemens-weit immer wieder zu Doppelentwicklungen und Doppelfertigungen. Zusätzlich erfordert das Vordringen neuer Technologien einen konzentrierten Einsatz der Forschungs- und Entwicklungskapazitäten. Die Fusion und die damit einhergehende Neuorganisation sollen diesen Entwicklungen Rechnung tragen. 

 

Den letzten Ausschlag für die Gründung der Siemens AG geben jedoch die Änderungen des deutschen Aktienrechts, das mit Jahresbeginn 1966 in Kraft tritt und erstmals Regelungen zum Konzernrecht enthielt. Um übermäßige administrative und fiskalische Belastungen zu vermeiden, die aus den neuen Bestimmungen resultieren würden, werden die drei Stammgesellschaften zum 1. Oktober 1966 zur Siemens AG fusioniert. 

„Zusammengehöriges zusammenfügen“ – die Aufgaben werden neu verteilt

Ernst von Siemens, der damalige Chef des Hauses, hofft, mit der rechtlichen und organisatorischen Vereinigung der drei Gesellschaften Siemens & Halske, Siemens-Schuckertwerke und Siemens-Reiniger-Werke  die Geschlossenheit und Kontinuität in der Führung des traditionsreichen Elektrokonzerns abzusichern.

 

Bereits Anfang Februar 1966 führt er gegenüber den Vorstandsmitgliedern und Generalbevollmächtigten der zu fusionierenden Gesellschaften aus, dass die neue Organisationsform „dem unablässig wachsenden und in seiner Struktur sich wandelnden Geschäft besser entspricht. Die Zusammenfassung in einer Firma wird es uns erleichtern, Aufgaben, die durch die rasch fortschreitende Entwicklung der Elektrotechnik in immer neuen Anwendungsbereichen auf uns zukommen, sinnvoll zu verteilen und Zusammengehöriges zusammenzufügen.“

Klare Grenzen, mehr Selbstständigkeit – Neuorganisation der Siemens AG

Dieser Zielsetzung entsprechend werden die zentralen Arbeitsgebiete der Siemens AG bis 1969 in sechs klar voneinander abgegrenzte, weitgehend selbstständige Unternehmensbereiche (UB) gegliedert: Die Bereiche Bauelemente (B) und Datentechnik (D) gehen nahezu unverändert aus den bisherigen Strukturen hervor, während die Bereiche Energietechnik (E), Installationstechnik (I) und Nachrichtentechnik (N) neu gebildet werden. Die Siemens-Reiniger-Werke firmieren fortan als Bereich Medizinische Technik (Med). Um die Geschlossenheit in der Führung des Elektrokonzerns abzusichern, fasst man alle Themen von grundsätzlicher und übergeordneter Bedeutung in fünf Zentralabteilungen (Z) zusammen: Betriebswirtschaft (ZB), Finanzen (ZF), Personal (ZP), Technik (ZT) und Vertrieb (ZV). Hinzu kommen die inländischen Zweigniederlassungen und die Auslandsgesellschaften. Die Rahmenbedingungen der Zusammenarbeit sämtlicher Unternehmensteile werden durch die sogenannte Grundordnung des Hauses definiert.

Wenn unser Haus – bei aller Achtung vor der echten Tradition, die es groß gemacht hat – erforderliche Neuerungen ohne unnötiges Zögern durchführt, dann zweifle ich nicht, daß es uns glückt, auch künftig die großen Probleme, die auf uns zukommen, zu meistern.
Ernst von Siemens, 1966

Für die Zukunft gerüstet – neue Identität für das Gesamtunternehmen

Im Zuge des Zusammenschlusses zur Siemens AG wird auch eine neue Identität für das Gesamtunternehmen entwickelt. Bereits im Herbst 1965 entscheidet die Führungsspitze, die bestehenden Firmenmarken zum 1. Oktober 1966 durch ein einziges Markenzeichen zu ersetzen. Die künftige Dachmarke setzt sich wie gehabt aus der Wortmarke SIEMENS und dem seit 1899 verwendeten S&H-Monogramm zusammen. Allerdings symbolisiert das älteste Warenzeichen des Elektrokonzerns fortan nicht länger die Firma Siemens & Halske, sondern das „Haus Siemens“. 

 

 

Mit Gründung der Siemens AG, der neuen Unternehmensstruktur und einer einheitlichen Corporate Identity sieht sich Siemens gerüstet für den rasanten technologischen Wandel, allen voran durch Halbleiter- und Computertechnik und die sich zunehmend globalisierenden Märkte: So will man agiler auf Kundenwünsche weltweit reagieren, der einheitliche Markenauftritt soll Siemens im globalen Wettbewerb ein geschärftes Profil geben. Die Weichen sind damit für die Zukunft gestellt, und das Traditionsunternehmen erhält jene Konturen, die bis heute nachwirken – in einer Zeit weit reichender Umbrüche, die Siemens erneut vor große Herausforderungen stellen.

 

 

 

 

 

 

Sabine Dittler | Dr. Frank Wittendorfer

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Weiterführende Informationen zum Thema

Zum Weiterlesen

  • Ernst von Siemens, Wegbereiter der Siemens AG, in: Siemens Historical Institute (Hg.): Zukunft gestalten – Die Siemens-Unternehmer 1847–2018, Berlin 2018, S. 183–208
  • Gerd Tacke, Ein Beitrag zur Geschichte der Siemens AG. Der Weg zum Weltunternehmen, Berlin / München 1976