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Die Siemens-Werkberufsschule als eine der ersten Deutschlands 

1870 stellt Siemens & Halske im Berliner Werk in der Markgrafenstraße seinen ersten Lehrling ein. Der Beginn eines systematischen Ausbildungswesens ist damit allerdings nicht verbunden. Bis in die 1890er-Jahre ist es lediglich einigen wenigen Söhnen von Siemens-Arbeitern vorbehalten, eine sogenannte Fabrik-Lehre, die sich deutlich von einer traditionellen handwerklichen Lehrausbildung unterscheidet, zu absolvieren. Erfahren Sie hier mehr darüber, wie sich das Ausbildungswesen bei Siemens entwickelt hat.   

Firmeneigene Ausbildung – vorerst nicht Sicht

Werner von Siemens sieht jahrzehntelang keine Notwendigkeit, Lehrlinge auszubilden. Noch 1885 äußert er:

Ich halte es nicht für zweckmäßig, daß große Fabriken sich mit der eigentlichen Lehrlingsausbildung prinzipiell beschäftigen, ich […] habe es daher in meiner Fabrik verboten.
Werner von Siemens, 1885

Mit dieser Meinung ist der Unternehmensgründer nicht allein: Zahlreiche Firmenvertreter stehen der Qualität einer Handwerkerausbildung in einer großen, auf Serienproduktion und Akkordlohn ausgerichteten Fabrik skeptisch gegenüber. Interessenten wird empfohlen, ihre Söhne besser „in einer kleineren Mechaniker-Werkstatt“ in die Lehre zu schicken, wo sie „schneller, und in der Regel auch wohl besser ausgebildet werden“. Diese Haltung ändert sich bald.

Industriebetrieb löst Werkstatt ab – Geburtsstunde der innerbetrieblichen Fachkräfteausbildung

Ende des 19. Jahrhunderts hat sich Berlin zur „Elektropolis“ entwickelt. 1902 beschäftigt Siemens hier mehr als 11.000 Mitarbeiter. Mit der Expansion des Unternehmens steigt auch der Bedarf an qualifizierten Facharbeitern, weshalb die Verantwortlichen des Hauses ihre Vorbehalte gegenüber der innerbetrieblichen Lehrlingsausbildung ablegen. Ein weiterer Grund sind die wachsenden Defizite der klassischen Ausbildung im Handwerk gegenüber den Anforderungen der beruflichen Praxis im modernen Industriebetrieb.

 

Ab Anfang der 1890er-Jahre investiert Siemens & Halske in die Ausbildung des eigenen Facharbeiternachwuchses. 1891 richtet man in den Berliner Werken versuchsweise Lehrwerkstätten ein, in denen bis zu zehn Lehrlinge außerhalb des eigentlichen Produktionsprozesses ausgebildet werden. Dieser praxisorientierte Unterricht wird einige Jahre später durch eine betriebseigene fachtheoretische Ausbildung ergänzt: Am 1. November 1906 nimmt die Werkschule von Siemens & Halske mit 77 Lehrlingen in vier Klassen ihren Unterricht auf. Somit ist die firmeneigene Schule, die bis heute existiert, eine der ältesten Berufsschulen Deutschlands. 

 

1910 hat sich die Zahl der Schüler bereits verdreifacht und die der Klassen verdoppelt. Knapp zwei Jahre später wird auch die praktische Ausbildung zum Feinmechaniker in einer zentralen Lehrlingswerkstatt zusammengefasst. 

Pflichtprogramm für Lehrlinge – vier Jahre Siemens-Werkschule

Da die Ausbildungsstätte von den preußischen Behörden als vollwertiger Ersatz für eine öffentliche Berufsschule anerkannt wird, ist der Besuch der Siemens Werkschule für sämtliche Lehrlinge von Siemens & Halske verpflichtend. Entsprechend erhöht sich die Schülerzahl bis 1920 auf 400. Auf dem Stundenplan stehen Fächer wie Deutsch, Rechnen, Bürgerkunde, Mathematik, Zeichen und Technologie. 

Mit dem Ziel, den Unterricht möglichst praxisnah zu gestalten, rekrutieren sich die Lehrer der Werkschule bis in die 1920er-Jahre aus dem Kreis der Siemens-Ingenieure, Konstrukteure und kaufmännischen Angestellten, die nebenberuflich unterrichten. Erst allmählich setzt eine Professionalisierung des Lehrkörpers ein, indem man einige nebenberufliche Lehrer beurlaubt, damit sie am Berliner Gewerbelehrer-Seminar eine pädagogische Zusatzqualifikation erwerben können. Um 1930 beschäftigt man acht hauptberufliche Lehrer.

 

Acht Jahre nach Siemens & Halske etablieren auch die Siemens-Schuckertwerke eine Werkschule, die jedoch nicht über den Status einer staatlich anerkannten Ersatzschule verfügt. Im Sommer 1932 werden beide Schulen zusammengelegt. Durch den organisatorischen Zusammenschluss liegt die Gesamtschülerzahl nunmehr bei über 1.000. 

 

Der Unterricht umfasste jetzt acht Wochenstunden – zusätzlich wurde eine Sportstunde erteilt. Zum Lehrkörper der Werkschule gehören nunmehr acht hauptamtliche Lehrer, darunter zwei Sportlehrer, sowie mehrere nebenberufliche Lehrer. 

 

Während des Zweiten Weltkrieg wird die Ausbildung des Nachwuchses kontinuierlich fortgesetzt. 1943 arbeiten in der Werkschule 13 hauptamtliche und 18 nebenamtliche Lehrer. Im Mai 1944 hat die Werkschule 1078 gewerbliche Lehrlinge, die unter anderem folgende Berufe erlernen: Werkzeugmacher, Mechaniker, Maschinenschlosser, Dreher, Starkstrommonteure, Fernmeldemonteure, Kabelmonteure, Tischler und Technischer Zeichner. Erst wenige Wochen vor Kriegsende, am 31. März 1945, wird die Lehrlingsausbildung eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt ist ein Großteil der Einrichtungen und der Lehrmittel der Werkschule zerstört.

Wiederbelebung der firmeneigenen Berufsschule – mit staatlicher Anerkennung

Bereits Anfang August 1945 wird die praktische Ausbildung der Lehrlinge in der Lehrwerkstatt wieder aufgenommen. Angesichts der Tatsache, dass es kriegs- und nachkriegsbedingt deutlich weniger Lehrlinge gibt – Ende August haben Siemens & Halske rund 80 und die Siemens-Schuckertwerke rund 60 gewerbliche Auszubildende -, wird auf die Wiedereinrichtung einer eigenen Werkberufsschule verzichtet. Die theoretische Ausbildung erfolgt deshalb unter anderem an der auf Eiswerder eingerichteten staatlichen Berufsschule Spandau, die am 01. Oktober 1945 zwei Sonderklassen für die Siemens-Lehrlinge eröffnet.

 

 

Da einerseits die Zahl der Lehrlinge kontinuierlich steigt und andererseits die theoretische Ausbildung an den staatlichen Berufsschulen nicht den Erfordernissen und Erwartungen entspricht, wird ab Oktober 1947 ein firmeneigener Zusatzunterricht angeboten. Darüber hinaus bemüht man sich bei den zuständigen Instanzen um die Zustimmung für die Einrichtung einer Werkberufsschule – zunächst jahrelang ohne Erfolg.   

 

Am 1. April 1952 kann die Werner-von-Siemens-Werkberufsschule (WBS) den Betrieb vorläufig aufnehmen, die offizielle Genehmigung der Ausbildungsstätte durch den Berliner Senat, Abteilung Volksbildung, wird am 14. Juli 1952 erteilt. Zu diesem Zeitpunkt werden knapp 300 angehende Feinmechaniker, Werkzeugmacher, Maschinenschlosser, Starkstrommonteure, Elektromechaniker, Elektroinstallateure und Elektrowickler in 12 Klassen von vier hauptamtlichen Lehrern unterrichtet. Auszubildende von Spezialberufen wie Tischler, Former und Glasbläser müssen jedoch weiterhin die Städtischen Berufsschulen besuchen.

1967 wird aus der sogenannten Ersatzschule eine staatlich anerkannte Privatschule des Landes Berlin, die heute zu zwei Dritteln vom Land refinanziert wird. 

 

Im Frühjahr 2019 besuchen rund 700 junge Frauen und Männer die Werner-von-Siemens-Werkberufsschule, die Bestandteil von Siemens Professional Education in Berlin (SPE) ist. Die Auszubildenden erlernen elektronische, mechanische, mechatronische und kaufmännische Berufe. Um die Nachwuchskräfte adäquat auf die Anforderungen der heutigen, komplexen Arbeitswelt vorzubereiten, verfolgt die Schule seit Jahren einen integrierten ganzheitlichen Ansatz – fachtheoretischer Unterricht und betriebliche Praxis sind sorgfältig aufeinander abgestimmt. Am Beispiel realer, prozessintegrierter Projekte werden nicht nur fachliche und methodische Qualifikation erworben, sondern auch persönliche und soziale Kompetenzen entwickelt und gestärkt. Die SPE Berlin, die auch duale Studiengänge mit den Abschlüssen Bachelors of Engineering und Bachelor of Arts anbietet, ist der weltweit größte Ausbildungsstandort von Siemens.

Sabine Dittler | Dr. Claudia Salchow