Werner von Siemens

Entrepreneur mit Vision und Tatkraft

Werner von Siemens ist ein visionärer Unternehmer, der die Entwicklung der Elektroindustrie entscheidend voranbringt. Der 

von ihm konstruierte Zeigertelegraf legt die Basis für die 1847 gegründete »Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske«, die sich schnell zu einem international operierenden Unternehmen entwickelt. 1866 entdeckt Siemens das dynamoelektrische Prinzip, seine für die Elektrotechnik wohl bedeutendsten Leistung.

Aus bescheidenen Verhältnissen – den eigenen Weg vor Augen

Werner von Siemens wird am 13. Dezember 1816 in Lenthe bei Hannover geboren. Er ist das vierte von insgesamt 14 Kindern einer Gutspächterfamilie mit einer langen bürgerlichen Tradition. Die schlechte wirtschaftliche Situation der Familie erschwert eine den Ambitionen der Eltern entsprechende Ausbildung der Kinder, sodass Werner von Siemens das Gymnasium 1834 ohne formalen Abschluss verlässt. Durch den Eintritt in die preußische Armee verschafft er sich Zugang zu einer naturwissenschaftlich-technischen Ausbildung. Die dreijährige Fachausbildung an der Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin schafft eine solide Grundlage für seine künftigen Arbeiten auf dem damals noch neuen Gebiet der Elektrotechnik.

Wegbereiter der Elektrotechnik – Siemens & Halske wird gegründet

Da Halske anfänglich Zweifel hegte, ob mein Apparat auch funktionieren würde, so stellte ich mir selbst aus Zigarrenkisten, Weißblech, einigen Eisenstückchen und etwas isoliertem Kupferdraht ein paar selbsttätige Telegraphen her, die mit voller Sicherheit zusammengingen und standen.

Werner von Siemens, Lebenserinnerungen

Im Jahr 1847 konstruiert Werner von Siemens einen Zeigertelegrafen, der zuverlässig arbeitet und allen bisherigen Apparaten dieser Art überlegen ist. Damit ist der Grundstein für die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ gelegt, die Werner von Siemens am 1. Oktober 1847 gemeinsam mit dem Feinmechaniker Johann Georg Halske in Berlin gründet und zu einem Unternehmen entwickelt, das schon bald international tätig ist und zu den führenden und größten Elektrofirmen der Welt zählt.

Anwendungsorientierte Innovationen – Nützliches und Bleibendes schaffen

Zusätzlich zu seiner unternehmerischen Tätigkeit widmet sich Werner von Siemens intensiv der wissenschaftlichen Forschung. 1866 gelingt ihm seine für die Elektrotechnik wohl bedeutendste Leistung, als er aufbauend auf Arbeiten Michael Faradays das dynamoelektrische Prinzip entdeckt und so den Grundstein für die Nutzung der Elektrizität zur Energieversorgung legt. In einem atemberaubenden Tempo tritt die Starkstromtechnik – wie man damals die Energietechnik nennt – ihren Siegeszug an. Hierbei spielen Siemens-Innovationen eine entscheidende Rolle, indem sie dem elektrischen Strom immer neue Anwendungsgebiete erschließen.

 

1879 präsentiert Siemens & Halske auf der Berliner Gewerbeausstellung die erste elektrische Eisenbahn der Welt mit Fremdstromversorgung. Anlässlich der Ausstellung installiert man in der Kaisergalerie, einer nach Pariser und Brüsseler Vorbild konzipierten Ladenpassage im heutigen Stadtteil Mitte, auch die neu entwickelten Differential-Bogenlampen von Siemens & Halske.

 

Drei Jahre später realisiert das Unternehmen am Potsdamer Platz und in der Leipziger Straße die erste ständige elektrische Straßenbeleuchtung Berlins. Es folgen Beleuchtungsanlagen für Bahnhöfe, Geschäftshäuser, Fabriken und Hafenanlagen. 1880 konstruiert Werner von Siemens den ersten elektrischen Personenaufzug der Welt. Im Jahr darauf nimmt Siemens & Halske im Berliner Vorort Groß-Lichterfelde (heute Berlin-Lichterfelde) die weltweit erste elektrische Straßenbahn in Betrieb.

Der Zeit weit voraus – verantwortungsvoller Unternehmer

Werner von Siemens erwirbt sich damals aber nicht nur durch seine technischen Innovationen und gewagten Unternehmungen, sondern auch auf sozialem Gebiet den Ruf eines fortschrittlichen Unternehmers. Mit zahlreichen sozialpolitischen Initiativen ist er seiner Zeit weit voraus; so begründet er zum Beispiel 1872 mit einer Pensions-, Witwen- und Waisenkasse die betriebliche Altersversorgung – über ein Jahrzehnt vor Gründung der gesetzlich geregelten Alters- und Hinterbliebenenversorgung.

 

Mit der Unterstützungskasse verfolgt er nicht nur soziale, sondern auch personalpolitische Ziele. Angesichts des akuten Mangels an qualifizierten Arbeitskräften und der hohen Fluktuation ist er bestrebt, eine Stammbelegschaft aufzubauen und die Facharbeiter langfristig an sein expandierendes Unternehmen zu binden. Es ist demnach – so Werner von Siemens rückblickend – „nicht allein Humanismus, sondern wesentlich gesunder Egoismus“, der ihn zu freiwilligen Sozialleistungen bewegt.

 

Für Werner von Siemens bleibt eine vorausschauende Sozialpolitik ein wesentliches Anliegen. So wird 1888 erstmals mit Geheimrat Dr. Körte, dem langjährigen Hausarzt der Familie Siemens, von der Firma erstmals ein Vertrauensarzt bestellt. Werner von Siemens will für das Unternehmen, wie er in einem Brief an Körte formuliert, „ […] in ein stetes Verhältnis mit einem notorisch tüchtigen Arzt treten“. Der Mediziner ist bereits seit einem Jahr „ärztlicher Konsulent“ der Siemens-Pensionskasse und betreut fortan gemeinsam mit seinem Sohn im Unternehmen Mitarbeiter, die akut erkrankt oder verletzt sind. Werner von Siemens‘ Brief gilt zu Recht als Gründungsurkunde des Betriebsärztlichen Dienstes der Firma.

Über seine wissenschaftliche und unternehmerische Tätigkeit hinaus engagiert sich Werner von Siemens auch für gesellschaftspolitische Belange. Als Abgeordneter der liberalen Deutschen Fortschrittspartei gehört er von 1862 bis 1866 dem Preußischen Landtag an. Er setzt sich für den Patentschutz ein und wird 1877 Mitglied des neu gegründeten Kaiserlichen Patentamts in Berlin (heute Deutsches Patent- und Markenamt). 1879 beteiligt er sich an der Gründung des Elektrotechnischen Vereins, der die Einrichtung von Lehrstühlen für Elektrotechnik an Technischen Hochschulen fördert. Durch eine großzügige Stiftung unterstützt Werner von Siemens auch die Etablierung der ersten staatlichen Einrichtung zur Grundlagenforschung auf deutschem Boden: Für die Gründung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt (heute Physikalisch-Technische Bundesanstalt) stellt er Mitte der 1880er-Jahre Geld und ein Grundstück für den Bau des Instituts in Berlin-Charlottenburg zur Verfügung.

 

 

In Anerkennung seiner Verdienste für Wissenschaft und Gesellschaft erhält Werner von Siemens im Laufe seines Lebens zahlreiche Auszeichnungen: darunter die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin (1860), die Aufnahme in die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften zu Berlin (1873) oder die Ernennung zum Ritter des Ordens „Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste“ (1886). Im Jahr 1888 wird er von Kaiser Friedrich III. in den Adelsstand erhoben.  Werner von Siemens verstirbt am 6. Dezember 1892 in Berlin.

 

 

 

 

 

Dr. Frank Wittendorfer