Exhibition in the main administration building, 1930

Energie für die Welt

Siemens auf dem World Energy Congress

Die Welt ausreichend und effizient mit Energie zu versorgen, über Grenzen hinweg, und dabei zur Verständigung der Völker beizutragen, das ist die Idee der 1924 erstmals stattfindenden Weltkraftkonferenz – heute World Energy Congress. Siemens ist von Anfang an dabei, zweimal sogar als Organisator, und liefert regelmäßig Ideen und Lösungsansätze, um Antworten auf die drängenden Energiefragen der Zeit zu geben – damals wie heute.

Berlin erstrahlt im internationalen Glanz – Deutschland als Gastgeber der zweiten Weltkraftkonferenz

Nicht weniger als 500 Kilogramm Schildkröten (für die Suppe), 2.000 Hühner, 4.000 Flaschen Rot- und Weißwein sowie 2.000 Flaschen Champagner, serviert von 650 Kellnern, sind für 3.700 geladene Gäste vorbereitet. Am Abend des 18. Juni 1930 findet in Berlin ein rauschendes Fest statt, das in jenen Jahren seinesgleichen sucht. Das „Weltkraftfest“ als „offizielles Bankett mit Damen“, mit „künstlerischer Darbietung“ und „Tanz“, wie es kurz und bündig im Konferenzprogramm heißt, ist sicherlich der gesellschaftliche Höhepunkt der vom 16. bis zum 25. Juni 1930 stattfindenden Weltkraftkonferenz. Diese groß angelegte internationale Fachkonferenz für Energietechnik hat eigentlich Fragen der „Energieverteilung und -verwendung“ zum Thema, erfüllt aber aus Sicht des Gastgeberlandes einen weiteren Zweck: Sie soll Berlin, ja ganz Deutschland und seine Industrie in feierlichem Glanz präsentieren und das durch den Ersten Weltkrieg lange isolierte Land auf dem internationalen Parkett gut aussehen lassen.

 

Trotz des gesellschaftlichen Rahmenprogramms gerät der Inhalt der Konferenz natürlich nicht aus dem Blick. Denn bereits während der 1920er-Jahre treiben Fragen der Energieversorgung und Ressourcennutzung Ingenieure wie Politiker und Industrielle um. Darüber hinaus wollen die Ausrichter „die Energiewirtschaft zur breitesten Öffentlichkeit sprechen [lassen]“ und dort „Verständnis für die brennendsten Fragen erwecken“. Dass dies zuweilen kuriose Züge annehmen kann, zeigen die Reaktionen auf zwei Vorträge anlässlich der Eröffnung der Konferenz im Reichstag am Abend des 15. Juni: Kein Geringerer als Albert Einstein und dessen britischer Physikerkollege Arthur Eddington denken über Ansätze der theoretischen Physik zur Lösung der Energieprobleme der Zeit nach und übertreiben es offensichtlich ein wenig. Denn selbst unter den Fachkundigsten im Publikum finden sich zahlreiche, recht ratlose und verwirrte Gesichter, wie die Presse amüsiert zu berichteten weiß. Nichtsdestotrotz wird die Konferenz ein voller Erfolg, woran Siemens einen entscheidenden Anteil hat.

Energienutzung als Weg zur Völkerverständigung – Siemens-Manager für den Ablauf der Weltkraftkonferenz verantwortlich

Die 1930 abgehaltene Weltkraftkonferenz ist bereits die zweite ihrer Art. Zum ersten Mal findet sie 1924 im Rahmen der „British Empire Exhibition“ im Londoner Stadtteil Wembley statt. Gründungsvater ist der Ingenieur und Vorsitzende der British Electrical and Allied Manufacturers Association, Daniel Nicol Dunlop. Den Schotten treiben vor allem die Eindrücke der politisch und wirtschaftlich angespannten Nachkriegszeit an. Nach wie vor dominieren Misstrauen, Argwohn und Nationalismen die internationale Zusammenarbeit. Das Ringen der Mächte im Ersten Weltkrieg wirkt sich auch Jahre nach dem Ende des Konflikts aus; besonders misstrauisch beäugt werden Deutschland als Kriegsauslöser und die Sowjetunion als kommunistischer Vorzeigestaat. Gleichzeitig hat die moderne Technik der Energieversorgung die Staaten enger zusammengebracht. Ihre Abhängigkeit vom stetigen Energiefluss, sei er durch Kohle, Erdöl oder Wasserkraft befeuert, erfordert eigentlich eine engere Kooperation und gegenseitiges Vertrauen.

 

Und gerade hier möchten Dunlop und seine Mitstreiter ansetzen: einerseits die Nationalstaaten zu einer einträglicheren Zusammenarbeit zu bewegen und andererseits den Austausch von Wissen und technischer Expertise zum Fortschritt und Wohlstand aller fördern. Es gelingt ihnen, die Londoner Weltkraftkonferenz tatsächlich zu einem globalen Forum werden zu lassen – insgesamt sind 40 Länder vertreten, unter ihnen auch Deutschland und die Sowjetunion. Erstmalig können Ingenieure und Wissenschaftler, aber auch Politiker, Verwaltungsfachleute sowie Wirtschaftsvertreter in einem derartigen Rahmen miteinander diskutieren.

 

Ein Ergebnis dieses ersten Zusammentreffens schafft für Deutschland und seine Industrie eine besondere Gelegenheit: Die Teilnehmer beschließen, die nächste Hauptkonferenz in Berlin stattfinden zu lassen. Damit wird sich auch für Siemens als einem der exponiertesten deutschen Unternehmen eine besondere Chance bieten. Denn Carl Köttgen, Vorstandsvorsitzender der Siemens-Schuckertwerke (SSW), wird ein paar Jahre später die Leitung des mit der Organisation der zweiten Weltkraftkonferenz betrauten Nationalkomitees übertragen. Der Spitzenmanager trägt damit aber nicht nur die Hauptverantwortung für das Gelingen der Konferenz. Von seiner erfolgreichen Arbeit – die Vorbereitungen beginnen bereits 1928 – hängt sowohl das Prestige eines international agierenden Unternehmens ab als auch das von Deutschland selbst. Ein kleiner, aber wichtiger technischer Beitrag zur Völkerverständigung – im wahrsten Sinne des Wortes – gelingt bereits während der Tagungen der Konferenz. Siemens & Halske stellt eine neuartige Dolmetscheranlage zur Verfügung, die es den Teilnehmern ermöglicht, Vorträge gleichzeitig in den drei Konferenzsprachen Englisch, Französisch und Deutsch zu hören.

Die Zeit der nationalen Abgeschlossenheit ist vorüber. Wir müssen erkennen, daß wir heute in der Welt voneinander abhängig geworden sind.
Carl Friedrich von Siemens, 1931

Zurück an den Weltmarkt – Internationalität ist für Siemens Chance und Verpflichtung zugleich

Als entschiedenen Verfechter grenzübergreifenden Wirtschaftens sind die Ideale der Weltkraftkonferenz für Carl Friedrich von Siemens keine Lippenbekenntnisse, sondern entsprechen seinen tiefen Überzeugungen. Hinzu kommt, dass sie Grundpfeiler seiner Unternehmensstrategie sind, Siemens in den Jahren nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wieder an den Weltmarkt zurückzuführen. Weitreichende und international umgesetzte Energieversorgungsprojekte sind aus seiner Sicht ein geeignetes Mittel: Einerseits tragen sie zur allgemeinen Mehrung von Fortschritt und Wohlstand bei und bringen dabei dem Unternehmen große Aufträge ein, andererseits fördern sie Kooperation und gegenseitiges Vertrauen über Ländergrenzen hinweg.

 

In dieser Hinsicht ist Siemens ein technologischer Vorreiter und Innovationsträger. Denn die Möglichkeit, Elektrizität an wenigen Stellen in gewaltigen Ausmaßen zu erzeugen, über große Strecken zu transportieren, beliebig zu verteilen und in den verschiedensten Formen zu verwenden, gehört zu den Kernkompetenzen des Unternehmens auf dem Gebiet der Energietechnik. In besonderem Maße zeigt sich dies an der Elektrifizierung Irlands. Es ist ein international beachteter Prestigeauftrag, den Siemens 1925 erhält und der dazu führt, dass das Land unter Ausnutzung der Wasserkräfte des Shannon River, verbunden mit der Errichtung weitreichender Hochspannungsleitungen und Verteilungsanlagen, großräumig elektrifiziert wird. Dass das Projekt just 1930 in Betrieb geht, im Jahr der Berliner Weltkraftkonferenz, ist nicht nur ein glücklicher Zufall für Siemens, sondern gleichzeitig auch ein Beleg erfolgreicher internationaler Zusammenarbeit, gerade in politisch schwierigen Zeiten.

Im Zeichen von Ökologie und Nachhaltigkeit – die 11. Weltenergiekonferenz in München

Traditionell wird während einer Weltkraftkonferenz der Ehrenpräsident aus dem Gastgeberland gewählt, der auch der Folgekonferenz vorsitzt, bis es turnusmäßig zu einer Neuwahl kommt. Nach der Berliner Konferenz 1930, deren Leiter mit Oskar von Miller einer der bekanntesten deutschen Ingenieure ist, dauert es genau 50 Jahre, bis erneut einem Deutschen diese Ehre zuteilwird. Für Siemens ist die im September 1980 in München abgehaltene Weltenergiekonferenz, wie sie ab 1968 offiziell heißt, zudem etwas Besonders, da mit Peter von Siemens der Aufsichtsratsvorsitzende des Elektrounternehmens nicht nur zum Ehrenpräsidenten gewählt wird: Als Vorsitzender des Organisationskomitees tritt er in die Fußstapfen von Carl Köttgen, und ihm obliegt die Verantwortung eines erfolgreichen Konferenzablaufs mit mehr als 4.000 Experten aus 72 Ländern.

 

Wie schon 50 Jahre zuvor, findet auch diese Konferenz, die unter dem Titel „Energie für unsere Welt“ steht, unter schwierigen Rahmenbedingungen statt. Die 1970er-Jahre sind geprägt von Wahrnehmungen einer aufkommenden Energie- und Umweltkrise. 1972 warnt der Club of Rome eindringlich vor der absehbaren Knappheit weltweiter Ressourcen und verweist auf die Verantwortung der Menschheit, sich auf regenerative Energiequellen zu fokussieren. Ein Jahr später führt die erste Ölkrise der Welt vor Augen, wie sich Rohstoffknappheit unmittelbar auswirkt. Davon bleiben die Weltenergiekonferenzen dieser Zeit nicht unberührt. Zwar haben von Beginn an Aspekte einer sicheren und ausreichenden Energieversorgung, verbunden mit der absehbaren Endlichkeit natürlicher Ressourcen, die Themensetzungen der Konferenzen bestimmt. Doch in den Anfängen werden diese Fragen eher als technologische Herausforderung an Ingenieure und Wissenschaftler wahrgenommen und weniger als gesamtgesellschaftliche Verantwortung für Ökologie und Umwelt im globalen Maßstab. Diese Art der Wahrnehmung bestimmt seit den 1970er-Jahren auch die Weltenergiekonferenzen – und wird sie nicht mehr loslassen. 

Die Zukunft nachhaltig gestalten – Energiefragen in Zeiten von Klimawandel und Digitalisierung

Heute, angesichts eines sich immer deutlicher abzeichnenden menschengemachten Klimawandels, gilt dies umso mehr. Entsprechend lassen sich Fragen der Energieversorgung und -sicherheit in unserer Zeit nicht mehr im nationalen Rahmen und losgelöst von Geboten der Nachhaltigkeit und langfristigen Umweltverträglichkeit betrachten. Der im September 2019 in Abu Dhabi anstehende Kongress des World Energy Council, wie das Forum seit 1989 heißt, stellt sich in einer globalisierten und vernetzten Welt diesen Herausforderungen unter dem Motto „Energy for prosperity“.

 

Auch Siemens will einen Beitrag dazu leisten und mit den mehr als 4.000 Delegierten aus über 150 Ländern ins Gespräch kommen: Wie können wir global eine verlässliche und effiziente Energieversorgung sicherstellen? Wie kann eine kombinierte konventionelle und erneuerbare Energieversorgung der Zukunft aussehen? Wie können komplexe Stromnetze sorgfältig gemanagt werden, und wie kann die zunehmende Digitalisierung dazu beitragen? Und schließlich, wie kann das nötige Kapital bereitgestellt werden, die Energieinfrastruktur der Zukunft abzusichern? Um diese und weitere Fragen drehen sich die Ideen und Lösungen, die die Experten unseres Unternehmens vorstellen und diskutieren wollen. Als Konferenzteilnehmer steht Siemens damit heute und auch in Zukunft, angereichert um die aktuellen Themen der Zeit, ganz in der Tradition der ehernen Ideen und Ziele der Gründer der Weltkraftkonferenz vor bald 100 Jahren: global, innovativ und nachhaltig.

 

 

 

 

                                                                                                                                                                                            Dr. Ewald Blocher