Siemens in Japan

Im Land der aufgehenden Sonne 

Siemens in Japan

1887 entsendet die „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ den Ingenieur Hermann Kessler nach Japan. Das von ihm knapp zwei Wochen nach seiner Ankunft eröffnete Siemens-Büro in Tokio ist die erste Dependance des Elektrounternehmens in Asien. Die Entwicklung vom Tokioter Ein-Mann-Büro zur erfolgreichen japanischen Siemens-Gruppe, der heute mehr als 2.200 Beschäftigte angehören, verläuft bis in die frühen 1950er-Jahre jedoch nicht immer geradlinig.

Aufbruch nach Ostasien – Erste Handelsbeziehungen werden geknüpft

Nachdem Japan in der Mitte des 19. Jahrhunderts seine über zweihundertjährige Abschottung von der Außenwelt aufgibt, gehört der Inselstaat im Pazifik zu den Reisezielen der preußischen Ostasien-Expedition von 1860/1861.

 

Um die äußerst schleppenden Verhandlungen über den Abschluss eines Handelsvertrages zu beschleunigen, präsentiert der Leiter der Gesandtschaft, Friedrich Albrecht Graf zu Eulenburg, Technik von Siemens & Halske (S&H): „Ich lasse jetzt einige elektromagnetische Telegraphen auspacken, um vielleicht dadurch das Herz der Japaner zu rühren.“

 

Diese Rechnung geht nicht sofort auf, erst zwei Monate später ist der Handelsvertrag unterschrieben, so dass die Delegation weiterreisen kann. Zwei Eisenbahntelegrafen verbleiben im Land – als Gastgeschenk für den Kaiser. 

 

 

Als in Japan zehn Jahre später umfassende Reformprozesse einsetzen, die den Aufbruch des Landes in die Moderne ermöglichen, möchte S&H seine Auslandsaktivitäten erweitern:

Ich habe soeben mit einem bekannten Düsseldorfer Hause […], welches ausgedehnte Geschäfte mit Japan betreibt […], ein Arrangement getroffen, wonach wir ein conto meta Geschäft mit Telegraphen-Anlagen in Japan machen wollen. 
Werner von Siemens, 1870

Doch es kommt lediglich zu sporadischen Exportlieferungen so dass der Firmengründer 1879 konstatieren muss, der Kontrakt mit dem Rheinischen Handelshaus habe keine feste Verbindung gebracht. Ab Mitte der 1880er-Jahre intensiviert S&H die Bemühungen, auf dem japanischen Markt Fuß zu fassen: Zunächst wird der Ingenieur Otto Henneberg entsandt, der den technischen Kundendienst vor Ort wahrnimmt,  Kontakte zu Handelshäusern, führenden Vertretern der japanischen Industrie sowie hochrangigen Politikern des Landes knüpft und Elektrifizierungsprojekte konzipiert.

 

1886 folgt der Abschluss eines Agenturvertrages mit dem in Hamburg, Yokohama und Tokio ansässigen Handelshaus C. Rohe & Co., das exklusiv mit dem Vertrieb von Elektro- und Beleuchtungsausrüstungen beauftragt wird. Nachdem Otto Henneberg bereits 1887 Japan verlässt, tritt der erst 27-jährige S&H-Ingenieur Hermann Kessler dessen Nachfolge an – mit Zuständigkeit für die Geschäfte in ganz Ostasien. 

Zweite Heimat Japan – Ein Siemens-Ingenieur lenkt 20 Jahre lang die Geschicke vor Ort

 

Mitte Juli 1887 trifft Hermann Kessler in Japan ein, am 1. August eröffnet er in Tokio ein Büro, und bereits im Spätsommer desselben Jahres vertieft er den von Otto Henneberg aufgebauten Kontakt zur japanischen Bergwerksgesellschaft Furukawa, die in der Folgezeit zu einem der wichtigsten Kunden und Partner des Elektrounternehmens avanciert. 

 

Eine Neuausrichtung der Vertriebsaktivitäten von S&H sowie diverse Unstimmigkeiten zwischen dem Stammhaus und Hermann Kessler auf der einen und dem Handelshaus C. Rohde & Co. auf der anderen Seite führen zur Auflösung des Agenturvertrages. Es kommt zu einer Zäsur: Ab dem 1. Januar 1893 ist das deutsche Elektrounternehmen stattdessen durch die in Tokio beheimatete „Siemens & Halske, Japan Agency“ vertreten, deren technische und zunächst auch kaufmännische Leitung Hermann Kessler obliegt.

 

Die Erfolge können sich sehen lassen: Obwohl es in Japan um die Jahrhundertwende zu einer wirtschaftlichen Rezession kommt, kann die Japan-Agentur mehrere Aufträge für Großprojekte akquirieren, wie beispielsweise die Lieferung der kompletten Elektroausrüstung für die Enoshima-Eisenbahn bei Tokio 1899 und für das staatliche Stahlwerk Yahata, das 1901 den Betrieb aufnimmt. Auch an der Elektrifizierung der Kobu-Bahn zwischen Iidamachi und Nakano ist das Elektrounternehmen beteiligt, indem es Drehstromgeneratoren und Transformatoren liefert.

Vor dem Hintergrund, dass S&H in erster Linie Starkstromprojekte beliefert, erfolgt 1903 im Zuge der Gründung der Siemens-Schuckertwerke (SSW) die Umbenennung der Japan-Agentur in „Siemens-Schuckertwerke, Technisches Büro Tokio“ (TB Tokio). Zwei Jahre später wird das TB Tokio in die „Siemens-Schuckert Denki Kabushiki Kaisha“ (SSDKK) umgewandelt. Der Geschäftsradius weitet sich aus: Da die Tochtergesellschaft der SSW nicht nur für Japan, sondern auch für Formosa (Taiwan), Korea und die südliche Mandschurei zuständig ist, entstehen weitere Vertriebsbüros (VBs).

 

Hermann Kessler leitet die SSDKK bis Ende 1907, anschließend kehrt er nach Deutschland zurück und übernimmt in der „Central-Verwaltung Übersee“ (CVU) die Verantwortung für das Japan-Geschäft. In dieser Funktion reist er in den folgenden Jahren wiederholt zu seiner einstigen Wirkungsstätte, um in der Rolle des Vermittlers die Geschäftsbeziehungen zu intensivieren sowie Verhandlungen und Bauprojekte vor Ort zu begleiten. 

Enttäuschte Erwartungen – Das Japan-Geschäft im Krisenmodus

Im Vergleich zu ausländischen Wettbewerbern verfügt die SSDKK zwar über ein sehr gutes Vertriebsnetz, doch den japanischen Markt dominieren vor allem amerikanische und britische Unternehmen und ab 1910 verstärkt auch die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft.

 

Der Anteil von SSW- und S&H-Erzeugnissen bleibt gering und führt letztlich zu Negativbilanzen. Der Leiter der CVU, Carl Friedrich von Siemens, konstatiert angesichts dessen, dass „unsere schlimmsten Befürchtungen, das Tokyo-Geschäft betreffend, durchaus nicht zu schwarzseherisch waren“, und mahnt an, dass „es […] eine zwingende Notwendigkeit [ist], sofort Schritte zu ergreifen, um ein weiteres Zurückgehen unseres dortigen Einflusses zu verhindern“. 

 

Es ist geplant, auf die Konkurrenz der sich allmählich entwickelnden japanischen Elektroindustrie mit der Etablierung von Joint Ventures zu reagieren, die unter anderem Einfuhrzölle vermeiden und eine kostengünstigere Fertigung vor Ort zu landesüblichen Löhnen ermöglichen würden. Doch dieses Vorhaben zerschlägt sich aus zwei Gründen: zum einen durch die sogenannte Marine-Affäre, die das Ansehen des Hauses Siemens beschädigt, und zum anderen durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in dessen Verlauf die Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern nahezu zum Erliegen kommen, wobei Japan auf Druck seines britischen Bündnispartners die Geschäftstätigkeit der SSDKK unterbindet. Infolgedessen werden fast alle TBs und VBs geschlossen – nur das Büro in Tokio bleibt geöffnet –, und auch die 1909 gegründete Werkstatt in Kobe, die zunächst ausschließlich Reparatur- und Montagearbeiten ausführt, bevor in bescheidenem Umfang vor allem die Fertigung von Zubehörteilen aufgenommen wird, muss den Betrieb einstellen. 

Gemeinsames Wagnis – Siemens und japanische Firmen schließen sich zusammen 

1919 kann die SSDKK ihre Vertriebstätigkeit wieder aufnehmen. Im gleichen Jahr beginnen S&H und SSW unter maßgeblicher Beteiligung von Hermann Kessler, das durch den Krieg zwangsweise ad acta gelegte Vorhaben zur Bildung von Gemeinschaftsunternehmen erneut zu verfolgen.

 

Die entsprechenden Verhandlungen mit dem Partner Furukawa, der unter anderem über eine Kabelfabrik in Yokohama verfügt und aufgrund der langjährigen Kontakte favorisiert wird, erstrecken sich über mehrere Jahre, drohen wiederholt zu scheitern und kommen erst am 22. August 1923 mit der Gründung der Fusi Denki Seizó Kabushiki Kaisha (Fusi Denki) zum Abschluss, wobei Fusi für Furukama und Siemens steht.

 

Die neue Gesellschaft leidet zunächst unter massiven Kapital- und Liquiditätsproblemen, die erst im Sommer 1927 durch eine Siemens-Anleihe beseitigt werden können. Für die SSDKK geht die Gründung der Fusi Denki mit einem herben Bedeutungsverlust einher, da sie an diese beispielsweise Technische Büros, Personal und den Großteil ihrer Vertriebsaktivitäten abtreten muss.

 

Bereits während der Verhandlungen um das Joint Venture startet das Stammhaus die Bauarbeiten für die Errichtung einer Fabrik in Kawasaki, in der unter anderem elektrische Maschinen, Motoren, Transformatoren, Schaltapparate, Installationsmaterialien, Zähler, Scheinwerfer und Blocksignalanlagen hergestellt werden sollen. Da ein schweres Erdbeben nahezu den kompletten Maschinenpark zerstört, verschiebt sich die für 1923 geplante Aufnahme der Produktion um zwei Jahre.

 

Ab Ende der 1920er-Jahre kommt es zu einer systematischen Ausweitung des Fertigungsspektrums, wobei die Herstellung von Schwachstromerzeugnissen wie Pupinspulen und automatischen Fernsprechanlagen ab 1933 in einer neuen Fabrik in Kawasaki erfolgt. Zwei Jahre später gliedert Fusi Denki seine schwachstromtechnische Abteilung aus und gründet in Gestalt des Unternehmens Fusi Tsushinki Seizo Kabushiki Kaisha (Fusi Tshushinki) eine eigene nachrichtentechnische Gesellschaft, deren Umsätze bis 1940 kontinuierlich steigen. 

Zu den Aufgaben von Fusi gehört 1923 auch der Vertrieb medizintechnischer Erzeugnisse von S&H. Im Zuge der Gründung der Siemens-Reiniger-Veifa GmbH ein Jahr später werden die entsprechenden Vertriebsaktivitäten auf die japanische Firma Goto Fuundu übertragen. Angesichts der zunehmend erstarkenden japanischen Konkurrenz auf dem Gebiet der Medizintechnik vereinbaren die Siemens-Reiniger Werke AG (SRW) und Goto Fuundu 1932, eine Fabrikationsgesellschaft für die Fertigung von Röntgengeräten zu bilden. Der Produktionsstart findet 1935 in einer eigens für diesen Zweck in Tokio errichteten Fabrik statt.

Neubeginn nach verordnetem Stillstand – Das Japan-Geschäft nimmt wieder Fahrt auf

Die Zusammenarbeit von Siemens und Japan gestaltet sich bereits während des Zweiten Weltkriegs schwierig, da die Stammhäuser Bestellungen teilweise nicht mehr bedienen können und die üblichen Transportwege für den Versand von Erzeugnissen nicht mehr zur Verfügung stehen. Im August 1945 kommt sie erneut zum Erliegen.

 

In Anwendung von Gesetzen der amerikanischen Besatzungsmacht kommt es zur Beschlagnahmung von Siemens-Eigentum und 1946 zur Auflösung der seit Kurzem unter einer neuen Bezeichnung firmierenden SSDKK. Für die japanischen Mitarbeiter der ehemaligen SSDKK besteht allerdings die Möglichkeit, in eine von Nobuo Kodera mit seinem privaten Vermögen gegründete Gesellschaft einzutreten, die in den folgenden Jahren – ab 1947 als Aktiengesellschaft – die Interessen von Siemens wahrnimmt. Fusi Denki und Fusi Tsushinki werden hingegen in einer Auffanggesellschaft zusammengefasst und bekommen 1947 den neuen Namen Fuji. 

 

1951 reist der Leiter der Zentralverwaltung Ausland, Gerd Tacke, nach Japan und stellt offizielle Kontakte zu jenen Unternehmen her, an denen Siemens vor Kriegsende beteiligt war beziehungsweise mit denen der Elektrokonzern zusammengearbeitet hat. Das Ergebnis eines Gegenbesuches im darauffolgenden Jahr ist ein Vertragswerk, das die künftige Kooperation von SSW und Fuji Denki sowie von S&H und Fuji Tsushinki regelt. Aus der 13 Jahre später in der japanischen Hauptstadt etablierten Siemens Japan Ltd. geht über mehrere Zwischenschritte 1977 die Siemens K.K. hervor, deren Aufstellung im Einzelnen sich jeweils an der Unternehmensstruktur der Stammgesellschaft orientiert. 

Ebenso wie Siemens unterliegen Fuji Denki und Fuji Tsushinki seit Mitte der 1960er-Jahre insbesondere vor dem Hintergrund veränderter Marktbedingungen und der Etablierung neuer Geschäftsfelder wiederholt Transformationsprozessen. Aus Fuji Tsushinki geht durch Kooperation mit der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Furukawa-Gruppe 1967 die Fujitsu Ltd. beziehungsweise Fujitsu KK hervor. Aus Fuji Denki wird Fuji Electric, ein Unternehmen, das im Februar 1980 zusammen mit Siemens das Joint Venture Fuji Electronic Components Ltd. gründet. Für Karlheinz Kaske, der von 1981 bis 1992 Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG ist, bilden das Stammhaus und seine japanischen Partner eine drei Generationen übergreifende Familie:

 

„Wenn ich nach Tokio komme, haben wir mit dem Präsidenten von Fuji und Fujitsu ein Dinner: Ich bin der Großvater, Fuji ist der Vater, Fujitsu der Sohn.“ – Karlheinz Kaske, 1990

 

Seit August 2010 ist Siemens Japan K.K. (SJKK) ein integriertes Technologieunternehmen, das unter seinem Dach die Geschäftsfelder Medizintechnik, Industrie und Energie vereint. Die Regionalgesellschaft Japan hat seit 2012 ihren Sitz in einem modernen und erdbebensicheren Hochhauskomplex im Zentrum von Tokio. 

Innovative Siemens-Technik gefragt – Hightech-Lösungen für das 21. Jahrhundert 

Zwischen 1999 und 2016 hat Siemens rund 200 Megawatt Windleistung in Japan installiert. Den ersten Auftrag für die Direct-Drive-Anlagentechnik der Drei-Megawatt-Klasse erhält das Unternehmen 2013 vom japanischen Kunden Eurus Energy Holdings Corporation für einen Windpark im Hafen von Akita. Weitere Projekte für diesen Kunden folgen, etwa die Windkraftwerke Eurus Yurikon und Eurus Higashi Yurihara.

 

2019 unterzeichnet Siemens Gamesa mit dem japanischen Kunden Obayashi Corporation eine Vereinbarung für das erste Offshore-Windprojekt in Japan. Der Windpark soll in der nördlichen Region von Tokoku entstehen und eine Leistung von bis 455 Megawatt liefern. Auch SJKK kann auf dem Gebiet der erneuerbaren Energieerzeugung punken: Im Sommer 2019 erhält die Gesellschaft den Auftrag, für ein Biomassekraftwerk in Hirohata eine 75-Megawatt-Dampfturbine sowie die zugehörigen Komponenten wie Kondensator, Generator und Leittechnik zu liefern. 

Seit 2013 kommt im International Medical Science Center der Hochschule Fukushima – erstmals in Japan – der von Siemens entwickelte Biograph mBR MR-PET zum Einsatz. Das besondere dieser Revolution auf dem Gebiet der Medizintechnik, die Siemens drei Jahre zuvor der Öffentlichkeit präsentiert, besteht darin, dass zwei Untersuchungsmethoden – die Magnetresonanztomographie (MR) und die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) – zeitgleich durchgeführt und aufgezeichnet werden. Da das Gerät hochaufgelöste Körperscans liefert, erhoffen sich Mediziner deutliche Diagnosefortschritte.  

 

Bis 2024 plant Japan den ausschließlichen Einsatz intelligenter Stromzähler. 2019 hat Siemens erstmals bei einem japanischen Kunden die Smart-Grid-Lösung EnergyIP als zentrale Plattform für das Zählermanagement mit der Applikation Meter Data Management (MDM) implementiert. Auf der Plattform werden die Datenverarbeitungsprozesse zusammengefasst, mit der MDM-Anwendung Stromverbrauchsdaten gesammelt und zur Weiterverarbeitung aufbereitet.

Dr. Claudia Salchow