Ab 1933: Siemens während der nationalsozialistischen Herrschaft

Die deutsche Elektroindustrie profitiert wie die gesamte Wirtschaft vom Konjunkturaufschwung, der bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 einsetzt. Das Wirtschaftswachstum während der Zeit des Nationalsozialismus gewinnt ab Mitte der 1930er-Jahre spürbar an Schwung und hält bis Kriegsende an. Es basiert nahezu ausschließlich auf staatlichen Rüstungsaufträgen. Wie andere Großkonzerne auch, verzeichnet Siemens als Branchenführer der deutschen Elektroindustrie ab 1934 anhaltend wachsende Umsätze, die während der Kriegsjahre ihre Höchstwerte erreichen.

Carl Friedrich von Siemens leitet das Unternehmen zwischen 1933 und 1941. Als überzeugtem Demokraten ist ihm die Nazi-Diktatur zuwider, dennoch hat er sich für das Wohl und den Erhalt des Unternehmens einzusetzen. Trotz einer zunehmend durch den Staat reglementierten Wirtschaft erhält sich die Industrie gewisse Handlungsspielräume. Siemens gelingt es, die Rüstungsfertigung weitestgehend auf elektrotechnische Fabrikate zu beschränken und eine Ausweitung der Produktion von betriebsfremdem Gerät zu unterbinden. Selbst während des Krieges werden nur eingeschränkt typische Kriegsgüter wie Waffen- und Munitionsteile produziert. Gleichwohl umfasst die Fertigung bei Siemens ab Ende 1943 größtenteils elektrotechnisches Gerät aus Wehrmachtsaufträgen.

Ab 1940: Beschäftigung von Zwangsarbeitern

Ab Ende der 1930er-Jahre nimmt die staatliche Rüstungsnachfrage rapide zu. Die Industrie kann diese nicht länger ohne Rückgriff auf im Ausland angeworbene Arbeitskräfte bedienen. Als nach Kriegsbeginn 1939 darüber hinaus zunehmend qualifizierte Facharbeiter aus den Betrieben zum Militärdienst einberufen werden, ist der Arbeitskräftemangel nur noch unter Rückgriff auf zwangsverpflichtete Arbeiter und Arbeiterinnen auszugleichen.

Um die Produktion aufrechterhalten zu können, greift Siemens ab 1940 vermehrt auf Zwangsarbeiter zurück. Zu ihnen zählen zwangsverpflichtete Arbeiter aus den besetzten Gebieten, Kriegsgefangene, Juden, Sinti und Roma und zuletzt auch Häftlinge aus Konzentrationslagern. Über den gesamten Zeitraum von 1940 bis 1945 sind mindestens 80.000 Zwangsarbeiter bei Siemens im Einsatz.

Ab 1941: Verlagerung von Fertigungsstätten

Nach Kriegsbeginn ist die Produktion in den deutschen Siemens-Werken von Transportproblemen, Rohstoffengpässen und besonders dem Arbeitskräftemangel geprägt. Ab 1942/43 kommen erschwerend die Auswirkungen des Luftkriegs hinzu. Die Angriffe zerstören im Raum Berlin zahlreiche Fabriken und beeinträchtigen bedeutende Teile der Fertigung in Siemensstadt. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Rüstungsgütern stetig an.

 

Die Unternehmensleitung reagiert darauf, indem sie zusätzliche Produktionsstätten in anderen Teilen Deutschlands sowie in den besetzten Gebieten errichten lässt. Bis 1943 dienen diese vereinzelten Verlagerungswerke vorwiegend der Behebung von Versorgungsengpässen. Im weiteren Verlauf des Krieges reagiert man zunehmend auf Zerstörungen durch Bombardements der Alliierten und will Ersatz für die verlorenen Produktionskapazitäten schaffen. Das Ergebnis: Bis Kriegsende verfügt Siemens über fast 400 Verlagerungs- und Ausweichbetriebe, in denen ebenfalls Zwangsarbeiter zum Einsatz kommen.

 

1945: Situation bei Kriegsende

Im April 1945 führt der militärische, politische und wirtschaftliche Zusammenbruch des Deutschen Reiches zur Schließung der Berliner Siemens-Werke. Nahezu die Hälfte der Gebäude und Werksanlagen ist zerstört. Was nicht den Kriegshandlungen zum Opfer gefallen ist, demontiert die Sowjetarmee nach der Kapitulation und transportiert es als Reparationsgut ab: zahlreiche noch funktionsfähige Maschinen, das gesamte Inventar, einen großen Teil der Vorräte und Fertigwaren sowie technische Unterlagen und Konstruktionszeichnungen.

Weltweit werden sämtliche materiellen Vermögenswerte von den Alliierten konfisziert und alle Namens- und Patentrechte freigegeben, das gesamte Auslandsvermögen geht verloren. Insgesamt büßt Siemens 80 Prozent seiner Firmensubstanz ein – das entspricht einem Gesamtwert von rund 2,6 Milliarden Reichsmark.

 

Nach dem Tod seines Onkels Carl Friedrich ist Hermann von Siemens im November 1941 an die Spitze des Hauses getreten. Er hat das Unternehmen durch die letzten Kriegsjahre geführt und steht nun vor der Herausforderung, Siemens nach dem Krieg wieder aufzubauen und an den Weltmarkt zurückzuführen.

Anerkennen, aufarbeiten und auftreten – Stellung zur eigenen Geschichte beziehen

Siemens bekennt sich zu seiner Geschichte. Dies gilt ausdrücklich auch für das Handeln des Unternehmens in der Zeit des Nationalsozialismus, wie Joe Kaeser anlässlich der Verleihung des Preises für Verständigung und Toleranz am 11. November 2017 im Jüdischen Museum Berlin deutlich zum Ausdruck brachte. Dass Siemens in dieser Zeit, in der das Unternehmen in die Kriegswirtschaft des nationalsozialistischen Unrechtsregimes eingebunden war, Menschen gegen ihren Willen hat arbeiten lassen, bedauern die heutige Führungsspitze und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens zutiefst. 

 

Auch in der Vergangenheit hat sich Siemens mit Beiträgen für die Jewish Claims Conference (1962), für den firmeneigenen „Humanitären Hilfsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter (HHZ)“ (1998–2000) sowie für die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (2000) in Höhe von umgerechnet insgesamt rund 150 Mio. Euro zu seiner Verantwortung bekannt. Als Ausdruck dieser Verantwortung arbeitet das Unternehmen heute eng mit der Gedenkstätte Ravensbrück zusammen. So sind Siemens-Auszubildende jährlich im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück, besuchen die Gedenkstätte, leben für eine Woche auf dem Gelände und diskutieren mit Historikern und Zeitzeugen. Hieraus hat sich ein wichtiger Dialog entwickelt, der den jungen Menschen einen unmittelbaren Zugang zu dieser Zeit ermöglicht. Darüber hinaus fördern wir ausgewählte Projekte, die der Aufarbeitung und Dokumentation der damaligen Geschehnisse dienen. Diese Aktivitäten sind kleine, aber wichtige Beiträge dazu, dass unsere Geschichte auch in dieser schwierigen Zeit lebendig bleibt und verstanden wird als Mahnung für die Zukunft.

Es geht mir darum, alles dafür zu tun, dass Unrecht sich nicht wiederholt, in Deutschland und weltweit. Das ist unsere Verpflichtung und unsere unmissverständliche Haltung.

Joe Kaeser, 11. November 2017

History News

Schlaglichter aus 170 Jahren Siemens-Geschichte

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