Gute Architektur, darum geht’s

Der Zeitgeist ändert sich, eines bleibt: Wenn Siemens baut, muss die Architektur stimmen. Ein Streifzug durch 170 Jahre Baugeschichte.

Von Himbeerpalast bis Headquarter in München – Siemens-Gebäude spiegeln auch immer die Unternehmemsphilosophie wider. Wo in der Vergangenheit die Gebäude auch teilweise dekoriert wurden, stehen heute bei der Planung und Gestaltung Werte wie Funktionalität, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund. Was aber alle Siemens-Bauten verbindet: Immer geht es um gute Architektur. Ein Streifzug durch 170 Jahre Siemens-Baugeschichte, aus Anlass des World Architecture Day.

Der alljährlich am 1. Oktober stattfindende „World Architecture Day“ steht 2018 ganz im Zeichen des siebzigjährigen Bestehens der auslobendenden International Union of Architects (UAI). Bei Siemens spielt die Unternehmens-Architektur schon deutlich länger eine Rolle. Bereits seit dem 19. Jahrhundert beschäftigen sich Siemens-Architekten damit, die Unternehmensphilosophie im wahrsten Sinne des Wortes in Stein zu meißeln. 

Perfektes Beispiel für nachhaltiges Bauen

Einer der ersten herausragenden Architekten bei Siemens war der 1881 geborene Siemens Architekt Hans Hertlein, der von Beginn des 20. Jahrhunderts an für mehrere Jahrzehnte das öffentliche Erscheinungsbild von Siemens ganz wesentlich prägte. Eindrucksvolles Beispiel seiner Arbeit ist neben der Siemensstadt Berlin insbesondere der als „Himbeerpalast“ berühmt gewordene, 1953 eröffnete ehemalige Verwaltungssitz von Siemens in Erlangen. Erst kürzlich wurde er – nach fast siebzigjähriger Nutzung durch Siemens – vom Freistaat Bayern erworben. Zukünftig sollen in ihm Studenten der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg unterrichtet werden.

„Das ist ein perfektes Beispiel für nachhaltiges Bauen“, sagt Stefan Kögl, heute oberster Baumeister bei Siemens Real Estate (SRE) und damit auch zuständig für die Unternehmensarchitektur des Unternehmens. „Ein Gebäude, das vor rund 70 Jahren gebaut wurde, wird nun umgenutzt und zum Ort der Bildung.“

Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und die Gestaltung

Damit spannt er den Bogen zu den Werten, die heute die Unternehmensarchitektur bei Siemens ganz wesentlich prägen. Neben der Nachhaltigkeit sind das vor allem Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und die Gestaltung. „Diese Werte haben eigentlich schon immer eine entscheidende Rolle gespielt“, erläutert Stefan Kögl. „Sie werden nur zeitabhängig etwas unterschiedlich interpretiert. Mit sich ändernden Anforderungen an die Produktion und Büroarbeitsplätze verändern sich auch die Gebäude. Unabhängig davon ist das oberste Ziel aber, zeitlose Architekturen zu schaffen, denn nur so bleiben sie nachhaltig nutzbar.“

Waren es in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts opulente und später sehr funktionale Backstein-Bauten, so wurden diese zu Beginn der zweiten Hälfte bei Siemens beispielsweise durch die berühmten Maurer-Hochhäuser in Erlangen oder München abgelöst. Es folgten Ende der 1970er Jahre Standorte wie München-Perlach mit ihrem für damalige Zeiten geradezu avantgardistischen Design. Und ab den 1990er Jahren prägte der US-amerikanische Star-Architekt Richard Meier unter anderem mit dem ehemaligen Siemens-Forum in München das Erscheinungsbild.

Städtebaulicher Kontext vor Individualität

„Aus heutiger Sicht waren die ikonenhaften Gebäude von Richard Meier schon fast bedenklich“, resümiert Stefan Kögl rückblickend. „Denn diese werden auch heute noch als Richard-Meier-Gebäude und nicht als Siemens-Gebäude wahrgenommen. Das ist heute nicht mehr unser Ziel. Denn ikonenhaft ist nicht immer nachhaltig, weil es meistens ein Kind seiner Zeit ist und auch städtebaulich nicht unbedingt in den Kontext passt.“

Damit liefert er ein Stichwort, dass für den heutigen Baustil bei Siemens ein ganz wesentliches Kriterium darstellt: der städtebauliche Kontext. Denn wer sich aktuelle Gebäude von Siemens anschaut, merkt schnell, wie stark sie sich mit dem jeweiligen Umfeld verknüpfen, sich diesem öffnen und damit ein Zeichen setzen, das sagt: Hier ist Siemens.

„Wir haben sehr viele verschiedene Standorte und sehr viele verschiedene Produkte. Das spiegelt sich auch in den Gebäude wider,“ erläutert Stefan Kögl. „Von einfachen Produktions- und teilweise auch Bürobauten bis hin zu höherwertig genutzten Gebäuden entsteht so im Kontext mit dem Umfeld gute Architektur.“

Gute Architektur spiegelt die Funktion des Gebäudes wider

Darum ist er auch überzeugt, dass sich die Siemens Unternehmensarchitektur weniger durch festgeschriebene Design-Vorgaben definieren muss, als vielmehr aus der funktional und städtebaulich einheitlichen Qualität. Dies ist auch in der jüngsten Vergangenheit zu erkennen. Während in Peking ein modernes Hochhaus Siemens weithin sichtbar repräsentiert, entsteht in Erlangen ein großflächiger Campus mit viel Grün und Flächen für Begegnungen. Ein anderes Beispiel ist der Vergleich der neuen Zentralen der Siemens Building Technologies im schweizerischen Zug und der Siemens Healthineers in Erlangen. Beides moderne Glas-Stahl-Gebäude die die Innovationskraft von Siemens repräsentieren, in ihrem städtebaulichen Kontext aber sehr unterschiedlich aufgebaut sind. Hier ein Atriumgebäude, dort eine Kammstruktur mit den jeweiligen Qualitäten für das Umfeld.

Nur eines von vielen, aber ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die aktuelle Architektur bei Siemens: Das Siemens Headquarter in Masdar City, Abu Dhabi. 2011 vom britischen Architekturbüro Sheppard Robson (London) für Siemens geplant. In der Struktur vergleichbar mit anderen Gebäuden verfügt es über ein Verschattungssystem – also einen außenliegenden Sonnenschutz – das je nach Himmelsrichtung unterschiedlich geformt ist und dadurch dem Gebäude ein individuelles Erscheinungsbild gibt. Hier verbinden sich architektonische Qualität mit hoher Funktionalität, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit auf perfekte Art und Weise.

Darum lautet das Schlusswort von Stefan Kögl auch ganz pragmatisch: „Was wir bei Siemens brauchen, ist gute Architektur, denn darum geht es. Und gut ist, wenn die Architektur die Funktion des Gebäudes perfekt abbildet und sich selbstverständlich in die Umgebung einfügt. Eine Herausforderung dabei ist häufig, der Individualität zu widerstehen, was das Bestreben vieler Beteiligter ist. Das führt jedoch zu oft zu beliebigen Ausprägungen. Wenn etwas aber gut und sinnvoll ist, spricht nichts dagegen, es so umzusetzen und auch zu wiederholen.“